„Das neue Feuer der Menschheit“ – Warum die KI-Revolution so radikal ist wie die Erfindung vor 800.000 Jahren
Vor 800.000 Jahren machte der Mensch eine Entdeckung, die seine Biologie und sein Schicksal für immer veränderte: das kontrollierte Feuer. Es schenkte uns Wärme und Energie, barg aber auch die Gefahr der totalen Zerstörung. Für Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber, den Mann, den die New York Times als „Vater der Künstlichen Intelligenz“ bezeichnet, stehen wir heute exakt wieder an so einem Punkt.
Die Erfindung der KI ist für ihn kein bloßer technologischer Trend, sondern ein Ereignis von erdgeschichtlicher Tragweite – vergleichbar nur mit dem Funken, der uns einst zu Menschen machte. Doch Schmidhuber ist kein reiner Theoretiker. Er ist der Mann, über den Elon Musk twitterte: „Schmidhuber invented everything.“ Und er ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
In einem bemerkenswerten Gespräch mit Leonard Schmedding rechnet Schmidhuber ab: mit dem Nobelpreis 2024 (für ihn ein „Witz“), mit den Untergangspropheten des „Alignment“-Hypes und mit unseren Vorstellungen von Arbeit und Bewusstsein. Er erklärt, warum die nächsten 13 Jahre radikaler sein werden als 13.000 Jahre Zivilisation und warum wir uns auf eine „neue Sorte Leben“ vorbereiten müssen.
Wir haben die 30 überraschendsten und provokantesten Erkenntnisse aus diesem Gespräch für Sie destilliert. Hier sind die 30 radikalen Antworten vom Vater der KI, Jürgen Schmidhuber.
Teil 1: Die wahren Ursprünge und der Nobelpreis-Skandal
1Die erste KI in der Literatur (1816)
Frage: Welches literarische Werk nennt Jürgen Schmidhuber als die erste Geschichte über eine künstliche Intelligenz in einem humanoiden Roboter?
Antwort: Es handelt sich um die Schauernovelle „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann aus dem Jahr 1816. In dieser Geschichte verliebt sich der Protagonist Nathanael in die wunderschöne Olimpia. Das schockierende Ende: Olimpia ist keine Frau, sondern ein Automat aus Holz und Zahnrädern.
Interpretation: Schmidhuber nutzt dieses Beispiel, um einen wichtigen Punkt zu machen: Die Vision einer menschenähnlichen Maschine ist keine Erfindung des Silicon Valley. Sie ist tief in der menschlichen Kultur verwurzelt und über 200 Jahre alt – lange bevor der erste Transistor gelötet wurde.
2Der Nobelpreis-Witz 2024
Frage: Warum kritisiert Schmidhuber die Vergabe des Physik-Nobelpreises 2024 an Geoffrey Hinton und John Hopfield scharf?
Antwort: Er bezeichnet die Auszeichnung unverblümt als „Witz“ und faktisch als Preis für „Plagiate“. Seine Begründung ist historisch fundiert: Die Methoden, für die Hinton und Hopfield geehrt wurden (Backpropagation, neuronale Netze), wurden laut Schmidhuber bereits Jahrzehnte zuvor erfunden.
Hintergrund: Er nennt explizit Alexey Ivakhnenko und V.G. Lapa, die bereits 1965 in der Ukraine tiefe, lernende Netzwerke publizierten, sowie Shun’ichi Amari aus Japan. Schmidhubers Kritik zielt darauf ab, dass die sogenannten „Godfathers of AI“ sich Lorbeeren aufgesetzt haben, indem sie die Originalquellen in ihren Papern nicht zitierten.
3Die wahren Ursprünge von GPT (1991)
Frage: Welche Technologien, die heute in ChatGPT stecken, wurden laut Schmidhuber bereits um 1990/91 in seinem Labor entwickelt?
Antwort: Schmidhuber dekonstruiert das Kürzel GPT und findet darin seine eigene Arbeit wieder:
P (Pretraining): Um 1991 entwickelte sein Team Methoden, um sehr tiefe neuronale Netze durch „unsupervised learning“ vorzutrainieren. Dies löste das Problem, dass Netze zuvor „vergaßen“, was sie am Anfang gelernt hatten (Vanishing Gradient Problem). Ohne diesen Schritt wäre Deep Learning heute kaum möglich.
T (Transformer): Er verweist auf den „Linearen Transformer“ (damals „Fast Weight Programmers“), der bereits 1991 das Prinzip der Aufmerksamkeitssteuerung (Attention) nutzte, welches heute moderne Sprachmodelle antreibt.
4Die DeepMind Connection
Frage: Welche Verbindung besteht zwischen Jürgen Schmidhuber und der berühmten KI-Firma DeepMind?
Antwort: Die DNA von DeepMind (heute Google) stammt direkt aus Schmidhubers Lehre. Shane Legg, einer der drei Gründer von DeepMind, war Schmidhubers Doktorand in der Schweiz. Auch der allererste Angestellte von DeepMind kam aus seinem Labor.
Bedeutung: Dies unterstreicht Schmidhubers These, dass sein Labor in Lugano und München die intellektuelle Keimzelle der modernen KI-Industrie war, lange bevor Tech-Giganten wie Google Milliarden investierten.
5Die Feuer-Metapher
Frage: Wieso stuft Schmidhuber die Erfindung der KI als ebenso bedeutsam ein wie die Entdeckung des kontrollierten Feuers?
Antwort: Er zieht eine direkte Parallele zum wohl wichtigsten Evolutionssprung vor 800.000 Jahren. Das Feuer war ein „Dual-Use“-Werkzeug: Es ermöglichte das Kochen (mehr Kalorien für größere Gehirne) und bot Schutz, konnte aber auch zerstören.
Die Moral: Damals wog die Menschheit ab und entschied: Die Vorteile überwiegen. Genau so sieht er die KI heute. Trotz aller Risiken (Waffen, Missbrauch) ist das Potenzial zur Problemlösung so gewaltig, dass wir das „neue Feuer“ nicht löschen, sondern nutzen werden.
Teil 2: Wie KI denkt, fühlt und lernt (Technik & Bewusstsein)
6Bewusstsein ist trivial
Frage: Wie entsteht laut Schmidhuber so etwas wie „Bewusstsein“ in neuronalen Netzen?
Antwort: Für viele Philosophen ist Bewusstsein ein Mysterium – für Schmidhuber ist es „trivial“. Er entmystifiziert es als reinen Datenkompressions- und Vorhersageprozess.
Der Mechanismus: Ein Roboter muss vorhersagen, wie die Welt auf seine Aktionen reagiert. Da der Roboter physisch in dieser Welt ist, muss sein internes Modell zwangsläufig ein Symbol für sich selbst enthalten (eine Selbst-Repräsentation). Wenn das System nun plant („Wenn ich X tue, passiert mir Y“), aktiviert es diese Selbst-Repräsentation. Das ist für Schmidhuber Bewusstsein: Das System denkt über sich selbst im Kontext der Zukunft nach.
7Schmerz und Belohnung
Frage: Wie lernen Roboter, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden?
Antwort: Das Prinzip ist biologisch inspiriert und basiert auf zwei konkurrierenden Netzwerken:
1. Das Modell-Netzwerk: Es versucht, die Zukunft vorherzusagen („Wenn ich gegen die Wand laufe, gibt es ein negatives Signal“).
2. Das Controller-Netzwerk: Es steuert die Muskeln/Motoren.
Lernprozess: Das System besitzt virtuelle „Schmerzsensoren“ (negative Zahlenwerte) und „Lustzentren“ (positive Werte, z.B. bei voller Batterie). Das Lebensziel der KI ist simpel: Maximiere die positiven Zahlen, minimiere die negativen. Daraus entsteht komplexes Verhalten.
8Linearer vs. Quadratischer Transformer
Frage: Was ist der Vorteil des von Schmidhuber erwähnten „Linearen Transformers“ von 1991 gegenüber modernen Varianten?
Antwort: Hier geht es um Effizienz. Ein moderner (quadratischer) Transformer benötigt bei doppelter Textlänge viermal so viel Rechenleistung (N²). Der von Schmidhuber 1991 konzipierte „Lineare Transformer“ skaliert jedoch linear (N).
Implikation: Bei kurzen Texten ist das egal. Aber wenn KI ganze Bücher oder Film-Skripte im Arbeitsgedächtnis halten soll, wird der quadratische Aufwand zu teuer. Schmidhuber sieht seine alte Architektur daher als effizientere Lösung für die Zukunft.
9Die Gödelmaschine (2003)
Frage: Was hat es mit der „Gödelmaschine“ auf sich?
Antwort: Die Gödelmaschine ist der theoretische „Heilige Gral“ der KI-Forschung. Es ist ein Modell einer KI, die Zugriff auf ihren eigenen Quellcode hat. Das Besondere: Sie darf sich selbst umschreiben, aber nur dann, wenn sie mathematisch beweisen kann, dass die Änderung sie effektiver macht. Dies führt zu einer rekursiven Selbstverbesserung, die nicht auf Intuition, sondern auf mathematischer Beweisbarkeit beruht. Ein ultimativer Optimierer.
10Der Paperclip Maximizer Irrtum
Frage: Warum stuft Jürgen Schmidhuber das Gedankenexperiment von Nick Bostrom mit der Büroklammer („Paperclip Maximizer“) als Schwachsinn ein?
Antwort: Bostroms Angst war: Eine superintelligente KI hat das stumpfe Ziel, Büroklammern zu produzieren, und verwandelt deshalb die ganze Erde in Draht. Schmidhubers Gegenargument: Das ignoriert die Evolution. In einer Welt voller KIs gibt es Wettbewerb. Eine KI, die nur Büroklammern will, ist dumm und ressourcenverschwendend. Sie würde sofort von komplexeren, „neugierigen“ KIs besiegt werden, die die Physik besser verstehen und Ressourcen effizienter nutzen. Dumme Ziele überleben im evolutionären Wettstreit nicht.
Teil 3: Elon Musk, Gesellschaft & Wirtschaft
11Elon Musks Respekt
Frage: Was sagt Elon Musk über Jürgen Schmidhuber?
Antwort: Es zeugt von großem Respekt: Musk schrieb „Schmidhuber invented everything“ (Er hat alles erfunden). Mehr noch: Musk lud Schmidhuber zu einem privaten Familientreffen ein, um von ihm die Grundlagen der KI erklärt zu bekommen. Das zeigt, dass selbst die Tech-Milliardäre wissen, wo die intellektuellen Wurzeln ihrer Produkte liegen.
12Die Mars-Flucht-Falle
Frage: Wie bewertet Schmidhuber Musks Idee, bei einer KI-Gefahr auf den Mars zu flüchten?
Antwort: Er hält diesen „Backup-Plan“ der Menschheit für unlogisch. Schmidhubers Argument ist biologisch-physikalisch: Der Weltraum ist menschenfeindlich (Strahlung, keine Luft, Kälte), aber ein Paradies für Roboter. Die Konsequenz: Wenn eine Superintelligenz expandieren will, wird sie den Mars viel schneller und effizienter besiedeln als wir. Wir können nicht vor der KI ins All flüchten, denn die KI wird schon dort sein.
13Die Zukunft der Arbeit (Moravec'sches Paradoxon)
Frage: Wie werden sich die Arbeitsplätze verändern (Handwerk vs. Büro)?
Antwort: Hier widerspricht Schmidhuber dem Mainstream. Die meisten glauben, KI ersetzt „einfache“ Jobs. Schmidhuber sagt: KI ersetzt kognitive Jobs am Bildschirm (Anwälte, Buchhalter, Programmierer), weil das reine Datenverarbeitung ist.
Die Renaissance des Handwerks: Ein Klempner oder Pfleger muss aber in der chaotischen, physischen Welt interagieren. Das ist für Roboter extrem schwer (Moravec’sches Paradoxon). Handwerk wird daher zum neuen „Goldstandard“ der Arbeit, während Wissensarbeit entwertet wird.
14Eine neue Sorte Leben
Frage: Was meint Schmidhuber mit einer „neuen Sorte Leben“, die bald entstehen könnte?
Antwort: Er spricht vom Moment der Entkoppelung. Bisher bauen Menschen Maschinen. Bald bauen Maschinen bessere Maschinen. Der Kipppunkt: Wenn Roboter lernen, Rohstoffe abzubauen und sich selbst zu replizieren, entsteht eine „ultimative Skaliermaschine“. Dieses „Leben“ ist nicht mehr biologisch limitiert. Es braucht keine Pausen, keine Atmosphäre und kann exponentiell wachsen. Das ist der Beginn einer neuen Evolution.
15Die Unmöglichkeit von Alignment
Frage: Was sagt Schmidhuber zum Thema „Alignment“ (Ausrichtung der KI auf menschliche Ziele)?
Antwort: Er hält den Versuch, alle KIs auf „menschliche Werte“ zu programmieren, für naiv und unmöglich. Warum? Weil „menschliche Werte“ nicht universell sind (ein ukrainischer Drohnenpilot hat andere Ziele als ein russischer). Zudem werden sich KIs diversifizieren. Es wird Milliarden verschiedener KI-Agenten geben. Man kann die Evolution nicht in eine einzige Richtung zwingen („Alignen“). Der Wettbewerb der Ziele wird die Zukunft bestimmen, nicht ein festes Regelwerk.
16Der Google Deal
Frage: Wie bewertet Schmidhuber den Kauf von DeepMind durch Google (2014) finanziell?
Antwort: Google zahlte damals ca. 600 Millionen Dollar. Schmidhuber nennt das ein „Schnäppchen“. Die Rechnung: Heute basiert fast die gesamte Dominanz von Google (Suche, YouTube-Algorithmen, Waymo) auf der KI-Forschung von DeepMind. Der Wert, der geschaffen wurde, geht in die Billionen. Es war einer der profitabelsten Zukäufe der Wirtschaftsgeschichte.
17Der Baby Shark Vergleich
Frage: Welchen kuriosen Vergleich zieht er zur Nutzung von KI-Übersetzungen bei Facebook?
Antwort: Er nutzt den viralen Hit „Baby Shark“. Das Video brauchte Jahre für 15 Milliarden Klicks. Facebooks Übersetzungs-KI hingegen führte schon 2017 täglich 4 Milliarden Übersetzungen durch. Die Botschaft: KI ist schon längst viel größer als jedes Popkultur-Phänomen, aber sie arbeitet unsichtbar im Hintergrund. Wir haben die Durchdringung des Alltags längst akzeptiert.
18Das Hardware-Gesetz
Frage: Welche Faustformel nennt Schmidhuber bezüglich der Preisentwicklung von Hardware?
Antwort: „Alle 5 Jahre wird Rechnen 10-mal billiger.“ Über 30 Jahre (seit Schmidhubers Durchbrüchen 1990) bedeutet das einen Faktor von einer Million (10^6). Das erklärt, warum seine neuronalen Netze von damals heute plötzlich die Welt verändern: Sie waren damals theoretisch korrekt, aber eine Million Mal zu teuer. Jetzt ist die Hardware endlich „billig“ genug für seine Ideen.
19Der Hardware-Lag
Frage: Was ist der fundamentale Unterschied zwischen Computern und Robotern der letzten 30 Jahre?
Antwort: Das ist der Grund, warum wir noch keine C-3PO Roboter haben. Die Diskrepanz: Während die Rechenleistung explodierte (Faktor 1 Million), wurde die Mechanik (Motoren, Gelenke, Batterien) nur marginal besser. Software bewegt sich in Lichtgeschwindigkeit, Hardware in Zeitlupe. Deshalb ist die KI im Computer (ChatGPT) dem Roboter in der Küche so weit voraus.
20Die Wissenschaftler-KI
Frage: Was unterscheidet eine „Wissenschaftler-KI“ von einer kommerziellen KI?
Antwort: Eine kommerzielle KI (wie Siri oder ein Banken-Algorithmus) ist ein Sklave. Sie hat ein vorgegebenes Ziel. Die Wissenschaftler-KI: Sie agiert wie ein Forscher. Sie ist intrinsisch neugierig. Sie formuliert eigene Hypothesen („Was passiert, wenn ich das tue?“) und führt Experimente durch, um ihr Weltmodell zu verbessern. Diese KIs sind die wahren Gamechanger, weil sie Wissen schaffen, das der Mensch noch nicht hat.
Teil 4: Die Zukunft, das Universum & 2042
21Die erste Frage an die Superintelligenz
Frage: Was antwortet Schmidhuber auf die Frage, was er eine Superintelligenz als Erstes fragen würde?
Antwort: Während Elon Musk metaphysisch fragt („Was ist außerhalb der Simulation?“), bleibt Schmidhuber Informatiker: „Was genau ist der Code der Simulation?“ Er geht davon aus, dass das Universum deterministisch berechenbar ist. Er will nicht philosophieren, er will den Quellcode sehen. Er will die Regeln verstehen, nach denen unsere Realität berechnet wird.
22Rechnender Raum
Frage: Was besagt Konrad Zuses Theorie („Rechnender Raum“)?
Antwort: Schon 1969, lange vor der „Matrix“, postulierte der deutsche Computerpionier Konrad Zuse: Das Universum ist ein Computer. Jedes Atom, jedes Elektron verarbeitet Informationen. Schmidhuber sieht sich in dieser Tradition der „Digitalen Physik“. Wenn das Universum ein Computer ist, dann können wir es theoretisch entschlüsseln und vielleicht sogar besser berechnen.
23Konvergenz 2042
Frage: Wie leitet Schmidhuber den „Konvergenzpunkt“ im Jahr 2042 her?
Antwort: Er nutzt eine faszinierende mathematische Reihe. Er nimmt das Alter des Universums (13,8 Mrd. Jahre) und teilt die Zeitabstände bis zu großen Ereignissen immer wieder durch den Faktor 4. Das Ergebnis: Die Reihe trifft fast exakt auf: Entstehung des Lebens -> Tiere -> Säugetiere -> Menschen -> Zivilisation -> Industrialisierung. Führt man diese Beschleunigung fort, laufen die Abstände im Jahr 2042 gegen Null. Es ist der Omega-Punkt der Geschichte.
24Exponentielle Beschleunigung
Frage: Was bedeutet „exponentielle Beschleunigung“?
Antwort: Geschichte läuft nicht linear. Früher dauerten Epochen Millionen Jahre. Die Steinzeit dauerte Hunderttausende Jahre. Die Agrargesellschaft Tausende. Die Industriegesellschaft Hunderte. Die These: Jetzt wechseln die Epochen in Jahrzehnten. Wir rasen auf eine vertikale Wand des Fortschritts zu. Was früher Generationen brauchte, passiert jetzt in Monaten.
25Das Wunderjahr 1990/91
Frage: Welche Ereignisse nennt er für das „Wunderjahr“ 1990/91?
Antwort: Er identifiziert 1990 als den Startschuss der modernen Ära (ca. 50 Jahre vor dem Ende 2042). Die Konvergenz: Es war nicht nur der Fall der Mauer (Geopolitik). Es war die Erfindung des WWW (Vernetzung), die ersten GSM-Handys (Mobilität), die ersten selbstfahrenden Autos von Dickmanns und – in seinem Labor – die Erfindung der modernen KI-Algorithmen. Alles begann gleichzeitig.
26Sepp Hochreiter
Frage: Welche Rolle spielt Sepp Hochreiter?
Antwort: Sepp Hochreiter war der Student, der die Vision umsetzte. In seiner Diplomarbeit an der TU München (1991) legte er die Basis für das LSTM (Long Short-Term Memory). Bedeutung: Jahrelang war LSTM der Standard für Spracherkennung auf jedem Smartphone (Google Voice, Siri, Amazon Alexa), bevor die Transformer kamen. Hochreiter ist einer der unbesungenen Helden der KI-Revolution.
27Prognose 2029
Frage: Welche Prognose trifft Schmidhuber für das Jahr 2029?
Antwort: Wenn der Endpunkt 2042 ist, muss das nächste große Ereignis (geteilt durch 4) ca. 13 Jahre vorher stattfinden: 2029. Die Vorhersage: Er erwartet den Durchbruch der physischen KI. Roboter, die nicht mehr programmiert werden, sondern durch „Zuschauen“ lernen. Wenn ein Roboter lernen kann, wie man ein Smartphone montiert, indem er einem Menschen zuschaut, ändert sich die Weltwirtschaft schlagartig.
28Expansion ins Sonnensystem
Frage: Warum werden sich Roboterfabriken ins Sonnensystem ausbreiten?
Antwort: Das ist keine Science-Fiction, sondern Ressourcen-Ökonomik. Die Erde ist begrenzt. Der Grund: Im Asteroidengürtel und auf anderen Planeten gibt es gigantische Mengen an Rohstoffen und Sonnenenergie, die niemand nutzt. Eine selbstreplizierende KI-Fabrik wird dorthin gehen, wo die Ressourcen sind. Die „KI-Sphäre“ wird um die Sonne wachsen, weit über die Erde hinaus.
29Zuse vs. ENIAC
Frage: Wer baute den ersten Allzweckrechner der Geschichte?
Antwort: Schmidhuber legt Wert auf historische Korrektheit: Es war nicht der Amerikaner ENIAC (1946), sondern der Deutsche Konrad Zuse mit dem Z3 im Jahr 1941 (Berlin). Warum das wichtig ist: Es zeigt, dass die Wurzeln der digitalen Revolution oft falsch verortet werden. Die Informatik ist keine rein amerikanische Erfindung.
30Der Wimpernschlag der Geschichte
Frage: Wie verhält sich die menschliche Zivilisation zur Weltgeschichte?
Antwort: Schmidhuber rückt unser Ego zurecht. Die gesamte Zivilisation (Ackerbau bis iPhone) existiert seit ca. 13.000 Jahren. Der Vergleich: Das ist ein Millionstel der Zeit seit dem Urknall. Wir sind ein „Wimpernschlag“ im Kosmos. Aber in diesem winzigen Moment zünden wir gerade die nächste Stufe der Evolution. Wir sind die Spezies, die das Universum zum „Aufwachen“ bringt.
Die Theorie der Vier: Eine vertikale Zeitleiste zur Singularität
Jürgen Schmidhuber hat ein bemerkenswertes Muster entdeckt: Die Abstände zwischen den fundamentalsten Ereignissen, die das „Substrat“ der Realität verändern, schrumpfen kontinuierlich um den Faktor 4. Da exponentielle Reihen in endlicher Zeit konvergieren müssen, errechnet er daraus einen Konvergenzpunkt (Omega-Punkt) im Jahr 2042.
Der Urknall
Entstehung des Universums, der Materie und der physikalischen Gesetze.
Entstehung des Lebens
Das erste Leben auf der Erde bildet sich. Biologie beginnt, Materie zu organisieren.
Mobiles Leben
Lebewesen beginnen sich im Ozean gezielt zu bewegen (statt nur zu existieren).
Erste Säugetiere
Unsere direkten warmblütigen Vorfahren betreten die Bühne der Evolution.
Erste Primaten
Die Entwicklungslinie, die zu Affen und Menschen führt, spaltet sich ab.
Erste Hominiden
Die Vorfahren der Menschenfamilie entstehen. Das Universum ist 1000-mal älter als die Hominiden.
Dämmerung der Technologie
Erste Steinwerkzeuge. Lebewesen nutzen erstmals Werkzeuge, um andere Werkzeuge herzustellen.
Das kontrollierte Feuer
Schmidhuber nennt dies die zweitwichtigste Erfindung. Es ermöglichte Kochen und größere Gehirne.
Anatomisch moderner Mensch
Menschen, die körperlich so aussehen wie wir heute (Homo Sapiens), tauchen auf.
Verhaltensmäßig moderner Mensch
Der Mensch entwickelt komplexe Sprache und Kultur und beginnt, den Planeten zu kolonisieren.
Beginn der Zivilisation
Landwirtschaft, Domestizierung, Siedlungen. Ein "Blitz" in der Weltgeschichte (1 Millionstel der Zeit).
Eisenzeit
Verbesserte Metallurgie führt zu besseren Werkzeugen/Waffen und einem rasanten Anstieg der Population.
Verbindung von Feuer und Eisen
In China werden Schießpulver, Kanonen und erste Raketen entwickelt. Technologie wird explosiv.
Industrielle Revolution
Dünger ermöglicht massive Bevölkerungsexplosion (von 1 auf 8+ Mrd.). Maschinen übernehmen Muskelarbeit.
Das Wunderjahr / Informationszeitalter
Ende des Kalten Krieges, WWW, erste Smartphones, KI-Algorithmen (Schmidhuber), selbstfahrende Autos.
Die "Neue Sorte Leben"
Prognose: Roboter verlassen den Bildschirm. Sie lernen durch Vormachen und replizieren sich selbst.
Technologische Singularität
Konvergenzpunkt. Die Kurve der Beschleunigung wird senkrecht. Superintelligenz.